Auf den Spuren der alten Hethiter

Interdiziplinäre Forschungsarbeiten mit der Universität Trier


von Andreas Macha und Prof. Dr. Hartmut Müller



Wie alles begann

Auf die Spuren der alten Hethiter sind wir auf verschlungenen Wegen geraten. Konkret: wir arbeiten seit einer Reihe von Jahren intensiv zusammen mit Dr. Back und Dr. Hauser, Archäologen, die die Ausgrabungen im und unter dem Kölner Dom leiten. Diese Verbindung führte auf dem Umweg über das Deutsche Archäologische Institut, das Außenstellen in vielen Teilen der Welt unterhält - unter anderem auch in Istanbul -, zum Kontakt mit dem Lehrstuhl für Alte Geschichte an der Universität Trier. Prof. Dr. Strobel, der Lehrstuhlinhaber, zeigte sich sofort äußerst interessiert an den vielfältigen Beiträgen, die der Fachbereich Geoinformatik und Vermessung zu archäologischen Forschungen leisten kann. Archäologie als Anwendungsfeld für Geoinformatik und Vermessung hat Prof. Dr. Böhler in Zusammenarbeit mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz bereits umfassend erschlossen, so daß wir am Fachbereich auf umfangreiche Erfahrungen zurückgreifen konnten und können.

Archäologische Befunde lassen sich mit klassischen und mit neuen Vermessungsmethoden - vor allem mit der Satellitenmeßtechnik - oft sehr viel schneller, genauer und damit effizienter erfassen als mit einfachen Meßwerkzeugen, die Archäologen bisher meist verwenden. Die Verwaltung solcher Daten in Geo-Informationssystemen bringt entscheidende Vorteile: die flexiblen Abfragefunktionen eines modernen Datenbanksystems sind herkömmlichen Recherchemethoden bei weitem überlegen. Das System verarbeitet die Anfrage eines Nutzers automatisch in kurzer Zeit und stellt das Ergebnis vor dem Hintergrund digitaler Karten dar. Mit diesen Möglichkeiten können die Fachleute dann unter Umständen zu völlig neuen Erkenntnissen kommen. Auch Fotografien der Funde, beschreibende Texte etc. können ohne weiteres am Bildschirm mit den Fundstellen verknüpft werden. Man kommt so mehr und mehr zu einer multimedialen Arbeitsumgebung, die den Archäologen von vielen Routinetätigkeiten befreit.

Bevor sich die archäologischen Befunde allerdings derart bequem auswerten lassen, müssen sie zunächst einmal - weit weniger bequem - vor Ort erfaßt werden. Und um sie in einer digitalen Karte darstellen zu können, muß auch diese Karte vorher in irgend einer Form in den Rechner gebracht worden sein. Die dazu benötigten Basisdaten sollten für ein Forschungsprojekt, das sich mit Siedlungsstrukturen in längst vergangenen Zeiten im Landesinneren der Türkei befaßt, in einer ersten Feldkampagne im Sommer 1996 erhoben werden. Nun ist ein solches internationales Unterfangen bekanntlich mit allerlei bürokratischen Hürden verbunden, die vor der eigentlichen Arbeit genommen sein müssen. Der Regierungswechsel in der Türkei im Jahr 1996 machte uns hier zunächst leider einen dicken Strich durch die Rechnung: die Funktionsfähigkeit der türkischen Administration war monatelang derart eingeschränkt, daß die Aktivitäten vollkommen zum Stillstand kamen. Da ohne viele, viele Papiere, Stempel, Unterschriften gar nichts geht, bedeutete dies: Abwarten. Aber aufgeschoben ist bekanntlich nicht aufgehoben, und so hieß es 1997: "Auf ein Neues". Die Messungen konnten jetzt - zwar nicht im geplanten Ausmaß, aber immerhin - stattfinden. Herr Macha, der wesentlich an den Arbeiten vor Ort beteiligt war, beschreibt einige Eindrücke.


Die Arbeiten in der Türkei vom 26.07. bis 31.08.1997

Im Vorfeld der eigentlichen Arbeiten waren einige Vorbereitungen zu treffen. Zunächst mußte eine Geräteliste erstellt werden. In dieser wurden sämtliche Vermessungsinstrumente und Arbeitsgeräte mit Anzahl, Wert, Gewicht und Herstellerland aufgelistet. Solche Gerätelisten sind unumgängliche Bestandteile von Carnets, die die internationalen Zollbestimmungen in solchen Fällen nötig machen. Desweiteren mußten die Gerätschaften versichert werden, bzw. überhaupt eine Gesellschaft gefunden werden, die bereit war, dies zu kalkulieren. Ebenso galt es, eine geeignete Spedition ausfindig zu machen. Dazu muß im Nachhinein bemerkt werden, daß es sich nicht gelohnt hat, eine relativ günstige - aber leider unbekannte - auszuwählen, denn nicht alle Zusagen konnten eingehalten werden, was den diesbezüglichen Ablauf nicht gerade reibungslos gestaltete. Diverse Software mußte auf einen Laptop geladen und getestet werden; ebenso wurden die einzusetzenden GPS-Empfänger im Außendienst geprüft, um gegen unliebsame Überraschungen vor Ort gewappnet zu sein. Schließlich mußte die Gerätekiste beladen und vorab durch den deutschen Zoll gebracht werden. Voll motiviert und recht gespannt konnte es also endlich am 26. 07. 97 losgehen.
 

Handgepäck Geräteliste Teil B - Auszug aus dem Carnet
Forschungskampagne Türkei, 25.07.1997 - 31.08.1997
lfd. Nr. Anzahl Artikel Gewicht in kg Warenwert in DM  Herstellerland
1 1 Zeiss Elta 3 
Nr. 179796
16,5 30.000,-- DE
2 2 Feldcomputer 
Husky-Hunter 2 
Nr. 1 und Nr. 2
4 5.000,-- DE
3 2 Trimble-Geoex- 
plorerempfänger 
Nr. 61184
2 8.700,-- US
4 1 Notebook Nr. ACER 
350PC5GG 
Serien-Nr. M 056403
4 5.000,-- TW
Summe     26,5    
Wer kein Schminkköfferchen im Handgepäck hat, nimmt eben solche Sachen mit...

Der Flug von Frankfurt nach Ankara dauerte knapp drei Stunden. Weder mit dem durch viele technische Geräte bedingten Übergepäck (38 kg!), noch mit dem Carnet für das Handgepäck gab es Probleme. Schwieriger gestalteten sich die Zollformalitäten mit der Gerätekiste aus bereits angeführten Gründen. Auch dies konnte aber nach einiger Zeit geklärt werden. Für den Zeitraum von über fünf Wochen wurden zwei Fahrzeuge angemietet: ein PKW und ein geländetauglicher JEEP. So konnte nun abends in der türkischen Hauptstadt mit Prof. Dr. Karl Strobel (Uni Trier) und dem Archäologen Dr. Christoph Gerber (Uni Heidelberg) standesgemäß mit einem Glas Raki auf eine gute Zusammenarbeit angestoßen werden.

Um einen ersten Eindruck von der Archäologie zu gewinnen und die Abläufe auf einer Ausgrabungsstätte etwas näher kennenzulernen, besuchten wir Gordion, wo seinerzeit der gleichnamige Knoten laut der berühmten Sage von Alexander dem Großen recht unsanft ,entflochten' wurde. Von der amerikanischen Grabungsmannschaft wurden wir sehr freundlich empfangen und über die vermessungstechnischen Arbeiten informiert. Es hat sich übrigens mittlerweile zu einer sehr angenehmen Traditon entwickelt, daß sich die Grabungsmannschaften während der Grabungssaison gegenseitige Besuche abstatten. Diese dienen der Kontaktpflege und wissenschaftlichem Erfahrungsaustausch.

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...ob das wohl alles echt ist?

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Gordion: weit und breit keine Spur vom gordischen Knoten

Nach kurzem Aufenthalt in Ankara ging es dann in unser Quartier für die nächsten fünf Wochen : Yozgat. Es ist eine Provinzhauptstadt mit etwa 70 000 Einwohnern, knapp 300 km östlich von Ankara im mittelanatolischen Hochland (~1200 m ü. N.N.) gelegen. Das eigentliche Meßgebiet liegt wiederum 25 km - oder 45 Autominuten - nordwestlich von Yozgat entfernt. Es handelt sich im Kern um ca. 10 km², die sich um das Dorf Büyüknefes erstrecken. Der alte lateinische Name lautet Tavium. Bei den Ausgrabungen, die im Sommer 1998 beginnen sollen, werden dort die religiösen Kult- und Pilgerstätten der Hethiter freigelegt. Die Hethiter bildeten zusammen mit den Palaern und den Luwiern eine der drei großen indoeuropäischen Völkergruppen, die vermutlich um die Mitte des dritten Jahrtausends vor Christus über das kaukasisch-armenische Gebirge nach Kleinasien einwanderten. Sie besiedelten das zentralanatolische Hochland Kappadokiens und das südliche pontische Randgebirge sowie das Gebiet des im weiten Bogen zum schwarzen Meer fließenden Flusses Kizilirmak. Sie eroberten das Land der Hatti, eines alteingesessenen anatolischen Volkes, nach dem sie ihr Reich benannten, und wurden dort seßhaft. Die Hauptstadt war Hattusas, wiederum knapp 20 km nördlich von Tavium gelegen. Sie hatte ihre blühendste Periode im 13. Jh. v. Chr. Von dort konnte Tavium über einen Bergpaß in einer Tagesreise erreicht werden. In Tavium erhofft man sich nunmehr weitere Aufschlüsse über die Religionen und die Kultur des Vielvölkerstaates, das im Sinne eines feudalen Herrschaftssystems organisiert war.

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Tavium: ab 1998 soll hier gegraben werden.

Der Aufgabenbereich der Vermessungen vor Ort bestand zunächst darin, die genaue geographische Lage des Gebietes zu bestimmen. Hierfür ist das Satellitennavigationssystem GPS geradezu prädestiniert. Die Arbeiten wurden mit dem Geoexplorer-System von Trimble durchgeführt, das wegen seiner Handlichkeit und der daraus resultierenden Portabilität ausgewählt wurde. Ursprünglich konzipiert für Messungen geringerer Genauigkeit im Bewegungsmodus, liegen die Genauigkeiten mittlerweile dank einer verbesserten Software bei statischen Messungen bezüglich der Lage im dm - Bereich. Die etwas problematischeren Höhenangaben sind lediglich in etwa um Faktor Zehn ungenauer. Mit demselben System wurde im kinematischen Modus der Verbindungsweg zur bereits erwähnten Hauptstadt Hattusas erfaßt. Diese ehemalige Prozessionsstraße ist noch teilweise als Paßstraße erhalten, weil sie von den Römern ausgebaut und genutzt wurde.

Um einen Bezug zur Ausgrabung in Hattusas herzustellen, wurden aus dem dort bereits bestehenden Festpunktfeld einige exponierte Punkte statisch aufgenommen. Dort finden seit über dreißig Jahren Ausgrabungen unter der Regie des Deutschen Archäologischen Institutes statt. Zur Zeit leitet Dr. Jürgen Seeher die Grabungen, die jeweils den gesamten Sommer über dauern und an denen durchschnittlich über fünfzig Mitarbeiter (Archäologen, Geologen, Vermesser,...) mitwirken. Im anliegenden Dorf Bogaskale wurde ein Grabungshaus eingerichtet und nebenan wird vom türkischen Enstitüsü Arkeologi ein Museum betrieben. Aller Voraussicht nach wird das Projekt in Tavium ähnliche Dimensionen annehmen, da bereits jetzt schon oberflächlich sehr viel Material (Tonscherben, Keramik, etc.) aus der spätphrygischen Zeit gefunden wurde. Darunter werden noch diverse andere zeitliche Schichten vermutet.
 
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Bei der Arbeit

Ein weiterer Schwerpunkt der vermessungstechnischen Pionierarbeiten in Tavium bestand darin, ein Festpunktfeld zu schaffen, das im Laufe der nächsten Jahre universell einsetzbar sein soll. Zum einen soll es jederzeit wiederherstellbar sein, um Detailaufnahmen der Archäologen, die während und nach jeder partiellen Ausgrabung zur Dokumentation erfolgen, in einem festgelegten Koordinatensystem einbinden zu können. Zum anderen soll es bereits vorhandene türkische Vermessungspunkte einbinden, um eventuell eine Verbindung ins dortige Katastersystem zu gewährleisten, falls die Koordinaten dieser Vermessungspunkte irgendwann von den türkischen Behörden freigegeben werden. Desweiteren mußten diese Punkte GPS - tauglich angelegt werden. Sie wurden ebenfalls mit den Geoexplorer-Empfängern aufgenommen und bestimmt. Schließlich mußte beachtet werden, daß freie Sichten von jedem Punkt zu mindestens drei anderen bestehen, um sie jederzeit auch mit herkömmlichen Meßmethoden, sprich: mit dem Theodolit, wiederherstellen zu können, bzw. freie Sichten zwischen den Nachbarpunkten, um zur Stabilisierung der Koordinaten einen Polygonzug durchmessen und berechnen zu können.
 
 
Punkt
lokal

türkisch

Vermarkung
 
Beschreibung
 
1 000 3754 Nagel in Stein Zegreg Tepe
2 000 - Nagel in Fels Kücükkale
3 000 - Kreuz in Fels Büyükkale
3 888 - Steinspitze alte Basis (Büyükkale)
4 000 4536 Nagel in Stein PP am Friedhof
5 000 4535 Nagel in Stein PP am Straßenrand
6 000 - Kreuz in Fels Bozkaya (Meßpunkt NW)
7 000 - Kreuz in Fels Tuvaluce
8 000 - Nagel in Fels Felsgräber
9 000 - Kreuz in Beton Wasserreservoir
Vermessungspunkte in Tavium

Schließlich sollte das Gelände tachymetrisch aufgenommen werden, um anschließend eine Karte mit Höhenlinien oder ein digitales Geländemodell herzustellen. Anhand dieser Pläne lassen sich vielfach Konturen der Besiedlungsstrukturen erkennen, die natürlich dem Archäologen eine große Hilfe bei der Einordnung der Bebauung und vor allen bei der Koordinierung der Ausgrabungen ist.
 

Wie geht es weiter?

Die beiden Diplomanden Macha und Siegel werden die Ergebnisse ihrer Messungen in der Türkei im Rahmen ihrer Diplomarbeit analysieren. Zur Zeit läuft ein Antrag auf Fördermittel aus Kapitel 1516 - Förderung der interdisziplinären Forschung mit Schwerpunkt in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften -, mit denen herkömmliche, qualitativ recht hochwertige Karten des Untersuchungsgebiets im Frühjahr 1998 in digitale Form umgesetzt werden sollen. Die Planung für die nächste Feldkampagne im Sommer 1998 ist bereits jetzt, im Januar 1998, in vollem Gange. Wenn keine unvorhergesehenen Zwischenfälle auftreten, werden auch in diesem Jahr wieder zwei Studierende des Fachbereichs Geoinformatik und Vermessung zu archäologischen Feldaufnahmen nach Zentralanatolien starten. Als Kooperationspartner wollen wir in einem Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft mitwirken. Es geht dabei um ein Projekt, das von allen bedeutenden deutschen Forschungsinstitutionen getragen wird, die sich mit geschichtlichen und archäologischen Aspekten im Forschungskomplex Tavium beschäftigen. Die Antragsphase für dieses Programm liegt im Frühsommer 1998. Hier eröffnet sich dann vor allem auch eine mittelfristige Perspektive für die Forschungsaktivitäten: solche Schwerpunktprogramme sind mit Projektlaufzeiten von sechs bis acht Jahren verbunden und ermöglichen deshalb auch viel eher eine vorausschauende Planung, als dies in Kurzzeit-Projekten möglich ist.


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