Archäologische Befunde lassen sich mit klassischen und mit neuen Vermessungsmethoden - vor allem mit der Satellitenmeßtechnik - oft sehr viel schneller, genauer und damit effizienter erfassen als mit einfachen Meßwerkzeugen, die Archäologen bisher meist verwenden. Die Verwaltung solcher Daten in Geo-Informationssystemen bringt entscheidende Vorteile: die flexiblen Abfragefunktionen eines modernen Datenbanksystems sind herkömmlichen Recherchemethoden bei weitem überlegen. Das System verarbeitet die Anfrage eines Nutzers automatisch in kurzer Zeit und stellt das Ergebnis vor dem Hintergrund digitaler Karten dar. Mit diesen Möglichkeiten können die Fachleute dann unter Umständen zu völlig neuen Erkenntnissen kommen. Auch Fotografien der Funde, beschreibende Texte etc. können ohne weiteres am Bildschirm mit den Fundstellen verknüpft werden. Man kommt so mehr und mehr zu einer multimedialen Arbeitsumgebung, die den Archäologen von vielen Routinetätigkeiten befreit.
Bevor sich die archäologischen Befunde allerdings derart bequem auswerten lassen, müssen sie zunächst einmal - weit weniger bequem - vor Ort erfaßt werden. Und um sie in einer digitalen Karte darstellen zu können, muß auch diese Karte vorher in irgend einer Form in den Rechner gebracht worden sein. Die dazu benötigten Basisdaten sollten für ein Forschungsprojekt, das sich mit Siedlungsstrukturen in längst vergangenen Zeiten im Landesinneren der Türkei befaßt, in einer ersten Feldkampagne im Sommer 1996 erhoben werden. Nun ist ein solches internationales Unterfangen bekanntlich mit allerlei bürokratischen Hürden verbunden, die vor der eigentlichen Arbeit genommen sein müssen. Der Regierungswechsel in der Türkei im Jahr 1996 machte uns hier zunächst leider einen dicken Strich durch die Rechnung: die Funktionsfähigkeit der türkischen Administration war monatelang derart eingeschränkt, daß die Aktivitäten vollkommen zum Stillstand kamen. Da ohne viele, viele Papiere, Stempel, Unterschriften gar nichts geht, bedeutete dies: Abwarten. Aber aufgeschoben ist bekanntlich nicht aufgehoben, und so hieß es 1997: "Auf ein Neues". Die Messungen konnten jetzt - zwar nicht im geplanten Ausmaß, aber immerhin - stattfinden. Herr Macha, der wesentlich an den Arbeiten vor Ort beteiligt war, beschreibt einige Eindrücke.
Handgepäck Geräteliste Teil B - Auszug
aus dem Carnet
Forschungskampagne Türkei, 25.07.1997 - 31.08.1997
| lfd. Nr. | Anzahl | Artikel | Gewicht in kg | Warenwert in DM | Herstellerland |
| 1 | 1 | Zeiss Elta 3
Nr. 179796 |
16,5 | 30.000,-- | DE |
| 2 | 2 | Feldcomputer
Husky-Hunter 2 Nr. 1 und Nr. 2 |
4 | 5.000,-- | DE |
| 3 | 2 | Trimble-Geoex-
plorerempfänger Nr. 61184 |
2 | 8.700,-- | US |
| 4 | 1 | Notebook Nr. ACER
350PC5GG Serien-Nr. M 056403 |
4 | 5.000,-- | TW |
| Summe | 26,5 |
Der Flug von Frankfurt nach Ankara dauerte knapp drei Stunden. Weder mit dem durch viele technische Geräte bedingten Übergepäck (38 kg!), noch mit dem Carnet für das Handgepäck gab es Probleme. Schwieriger gestalteten sich die Zollformalitäten mit der Gerätekiste aus bereits angeführten Gründen. Auch dies konnte aber nach einiger Zeit geklärt werden. Für den Zeitraum von über fünf Wochen wurden zwei Fahrzeuge angemietet: ein PKW und ein geländetauglicher JEEP. So konnte nun abends in der türkischen Hauptstadt mit Prof. Dr. Karl Strobel (Uni Trier) und dem Archäologen Dr. Christoph Gerber (Uni Heidelberg) standesgemäß mit einem Glas Raki auf eine gute Zusammenarbeit angestoßen werden.
Um einen ersten Eindruck von der Archäologie zu gewinnen und die Abläufe auf einer Ausgrabungsstätte etwas näher kennenzulernen, besuchten wir Gordion, wo seinerzeit der gleichnamige Knoten laut der berühmten Sage von Alexander dem Großen recht unsanft ,entflochten' wurde. Von der amerikanischen Grabungsmannschaft wurden wir sehr freundlich empfangen und über die vermessungstechnischen Arbeiten informiert. Es hat sich übrigens mittlerweile zu einer sehr angenehmen Traditon entwickelt, daß sich die Grabungsmannschaften während der Grabungssaison gegenseitige Besuche abstatten. Diese dienen der Kontaktpflege und wissenschaftlichem Erfahrungsaustausch.
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...ob das wohl alles echt ist?
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Gordion: weit und breit keine Spur vom gordischen
Knoten
Nach kurzem Aufenthalt in Ankara ging es dann in unser Quartier für die nächsten fünf Wochen : Yozgat. Es ist eine Provinzhauptstadt mit etwa 70 000 Einwohnern, knapp 300 km östlich von Ankara im mittelanatolischen Hochland (~1200 m ü. N.N.) gelegen. Das eigentliche Meßgebiet liegt wiederum 25 km - oder 45 Autominuten - nordwestlich von Yozgat entfernt. Es handelt sich im Kern um ca. 10 km², die sich um das Dorf Büyüknefes erstrecken. Der alte lateinische Name lautet Tavium. Bei den Ausgrabungen, die im Sommer 1998 beginnen sollen, werden dort die religiösen Kult- und Pilgerstätten der Hethiter freigelegt. Die Hethiter bildeten zusammen mit den Palaern und den Luwiern eine der drei großen indoeuropäischen Völkergruppen, die vermutlich um die Mitte des dritten Jahrtausends vor Christus über das kaukasisch-armenische Gebirge nach Kleinasien einwanderten. Sie besiedelten das zentralanatolische Hochland Kappadokiens und das südliche pontische Randgebirge sowie das Gebiet des im weiten Bogen zum schwarzen Meer fließenden Flusses Kizilirmak. Sie eroberten das Land der Hatti, eines alteingesessenen anatolischen Volkes, nach dem sie ihr Reich benannten, und wurden dort seßhaft. Die Hauptstadt war Hattusas, wiederum knapp 20 km nördlich von Tavium gelegen. Sie hatte ihre blühendste Periode im 13. Jh. v. Chr. Von dort konnte Tavium über einen Bergpaß in einer Tagesreise erreicht werden. In Tavium erhofft man sich nunmehr weitere Aufschlüsse über die Religionen und die Kultur des Vielvölkerstaates, das im Sinne eines feudalen Herrschaftssystems organisiert war.
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Tavium: ab 1998 soll hier gegraben werden.
Der Aufgabenbereich der Vermessungen vor Ort bestand zunächst darin, die genaue geographische Lage des Gebietes zu bestimmen. Hierfür ist das Satellitennavigationssystem GPS geradezu prädestiniert. Die Arbeiten wurden mit dem Geoexplorer-System von Trimble durchgeführt, das wegen seiner Handlichkeit und der daraus resultierenden Portabilität ausgewählt wurde. Ursprünglich konzipiert für Messungen geringerer Genauigkeit im Bewegungsmodus, liegen die Genauigkeiten mittlerweile dank einer verbesserten Software bei statischen Messungen bezüglich der Lage im dm - Bereich. Die etwas problematischeren Höhenangaben sind lediglich in etwa um Faktor Zehn ungenauer. Mit demselben System wurde im kinematischen Modus der Verbindungsweg zur bereits erwähnten Hauptstadt Hattusas erfaßt. Diese ehemalige Prozessionsstraße ist noch teilweise als Paßstraße erhalten, weil sie von den Römern ausgebaut und genutzt wurde.
Um einen Bezug zur Ausgrabung in Hattusas herzustellen, wurden aus dem
dort bereits bestehenden Festpunktfeld einige exponierte Punkte statisch
aufgenommen. Dort finden seit über dreißig Jahren Ausgrabungen
unter der Regie des Deutschen Archäologischen Institutes statt. Zur
Zeit leitet Dr. Jürgen Seeher die Grabungen, die jeweils den gesamten
Sommer über dauern und an denen durchschnittlich über fünfzig
Mitarbeiter (Archäologen, Geologen, Vermesser,...) mitwirken. Im anliegenden
Dorf Bogaskale wurde ein Grabungshaus eingerichtet und nebenan wird vom
türkischen Enstitüsü Arkeologi ein Museum betrieben. Aller
Voraussicht nach wird das Projekt in Tavium ähnliche Dimensionen annehmen,
da bereits jetzt schon oberflächlich sehr viel Material (Tonscherben,
Keramik, etc.) aus der spätphrygischen Zeit gefunden wurde. Darunter
werden noch diverse andere zeitliche Schichten vermutet.
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Bei der Arbeit
Ein weiterer Schwerpunkt der vermessungstechnischen Pionierarbeiten
in Tavium bestand darin, ein Festpunktfeld zu schaffen, das im Laufe der
nächsten Jahre universell einsetzbar sein soll. Zum einen soll es
jederzeit wiederherstellbar sein, um Detailaufnahmen der Archäologen,
die während und nach jeder partiellen Ausgrabung zur Dokumentation
erfolgen, in einem festgelegten Koordinatensystem einbinden zu können.
Zum anderen soll es bereits vorhandene türkische Vermessungspunkte
einbinden, um eventuell eine Verbindung ins dortige Katastersystem zu gewährleisten,
falls die Koordinaten dieser Vermessungspunkte irgendwann von den türkischen
Behörden freigegeben werden. Desweiteren mußten diese Punkte
GPS - tauglich angelegt werden. Sie wurden ebenfalls mit den Geoexplorer-Empfängern
aufgenommen und bestimmt. Schließlich mußte beachtet werden,
daß freie Sichten von jedem Punkt zu mindestens drei anderen bestehen,
um sie jederzeit auch mit herkömmlichen Meßmethoden, sprich:
mit dem Theodolit, wiederherstellen zu können, bzw. freie Sichten
zwischen den Nachbarpunkten, um zur Stabilisierung der Koordinaten einen
Polygonzug durchmessen und berechnen zu können.
| Punkt
lokal |
türkisch |
Vermarkung
|
Beschreibung
|
| 1 000 | 3754 | Nagel in Stein | Zegreg Tepe |
| 2 000 | - | Nagel in Fels | Kücükkale |
| 3 000 | - | Kreuz in Fels | Büyükkale |
| 3 888 | - | Steinspitze | alte Basis (Büyükkale) |
| 4 000 | 4536 | Nagel in Stein | PP am Friedhof |
| 5 000 | 4535 | Nagel in Stein | PP am Straßenrand |
| 6 000 | - | Kreuz in Fels | Bozkaya (Meßpunkt NW) |
| 7 000 | - | Kreuz in Fels | Tuvaluce |
| 8 000 | - | Nagel in Fels | Felsgräber |
| 9 000 | - | Kreuz in Beton | Wasserreservoir |
Schließlich sollte das Gelände tachymetrisch aufgenommen
werden, um anschließend eine Karte mit Höhenlinien oder ein
digitales Geländemodell herzustellen. Anhand dieser Pläne lassen
sich vielfach Konturen der Besiedlungsstrukturen erkennen, die natürlich
dem Archäologen eine große Hilfe bei der Einordnung der Bebauung
und vor allen bei der Koordinierung der Ausgrabungen ist.
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Fachbereich Geoinformatik
und Vermessung
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