Zwischen Kalaschnikow und Janbiya
Erfahrungsbericht einer etwas anderen Diplomarbeit in der Republik Jemen
von Manfred Klein und Rainer Krahe
Diplomarbeit im Ausland, das ist sicherlich der Traum vieler Studenten. Manfred Klein und Rainer Krahe, die an der FH Mainz Geoinformatik und Vermessung studieren, hatten die Möglichkeit sich diesen Traum zu erfüllen.
Wenn man später von seiner Diplomarbeit berichtet, möchte man natürlich etwas Außergewöhnliches aufweisen können. Das ist bei Geoinformatikern und Vermessern nicht anders.
Das i3, Forschungsinstitut des Fachbereichs, ist ein Garant für interessante Diplomarbeiten. So war es für uns auch selbstverständlich, bei der halbjährlichen Präsentation von Diplomarbeitstehmen anwesend zu sein. Prof. Dr. Böhler und der Archäologe Dr. Paul Yule, Privatdozent an der Universität Heidelberg, stellten ein Forschungsprojekt im Jemen vor, das sofort unser Interesse weckte.
Das archäologische Potential vieler Regionen Jemens blieb bisher weitgehend verborgen. Da die Archäologie Jemens noch in den Kinderschuhen steckt, sind sogar die bedeutendsten Fundstätten des Landes wenig bekannt. Das Ziel des Forschungsprojekts bestand zunächst darin, die vorhandenen Spuren der einst prächtigen Hauptstadt der Himyariten, Zafar/Dhu Raydan, zu dokumentieren und die Ergebnisse als Grundlage für eine weitere Bearbeitung des Denkmals (Ausgrabungen, Sicherung, touristische Erschließung) einzusetzen. Andererseits soll das Projekt im Jemen als Modell für eine planmäßige Erfassung weiterer Denkmäler dienen.Für eine Aufgabe dieser Art ist eine Zusammenarbeit zwischen Archäologen und Vermessungsfachleuten unumgänglich. Für die Vermesser ergibt sich neben der Durchführung der Vermessung vor Ort auch die Aufgabe, anschließend die Ergebnisse in Form von digitalen Daten und Plänen aufzuarbeiten.
Da die Arbeit sehr umfangreich sein würde und da verschiedenartige Ergebnisse anzufertigen waren, wurden zwei Bearbeiter für die Aufgabe gesucht. Zwischen mehreren Bewerbern entschied schließlich das Los zu unseren Gunsten.
Nun setzte die Planungsphase ein. Als unerfahrener Arabienreisender denkt man bei Jemen zuerst an Wüste, Hitze und Trockenheit. Dies wurde uns von "erfahrenen" Archäologen bestätigt. Man warnte uns vor Schlangen, deren Biss in 4 Minuten tödlich sei, vor der sengenden Sonne, die das Arbeiten ab Mittag unmöglich machte usw. Wir, als wissbegierige und lernwillige Studenten nahmen die guten Ratschläge gerne an und deckten uns mit Wüstenstiefeln, Sonnencreme, leichter Kleidung und sogar mit einem Erste-Hilfe-Set für Schlangenbisse ein.
Als nächster Schritt mußte die Vermessungsausrüstung zusammengestellt werden. Als Maßgaben galten geringes Gewicht, Robustheit, Zuverlässigkeit und eine Sicherstellung der Stromversorgung über Autobatterie. Diese Vorgaben könnten wir auch einhalten. Hierbei erwiesen sich die Erfahrungen unserer Professoren mit ähnlichen Diplomarbeiten in abgelegenen Gebieten von China, der Türkei und Ruanda als wertvolle Hilfe.
Ein weiterer Schritt bei den Vorbereitungen waren die Impfungen. Im Tropenzentrum der Uniklinik Mainz wurden wir gegen so ziemlich alles geimpft, was man sich an Krankheiten vorstellen kann.
Gegen eine Sache nützten aber selbst die Impfungen nichts: Der Jemen kommt leider immer wieder durch spektakuläre Entführungen in die Schlagzeilen. Die Tatsache, dass zum Zeitpunkt der Abreise ein Krieg zwischen Jemen und Saudi Arabien drohte, verstärkte das mulmige Gefühl in der Magengegend.
Dennoch ließen wir uns nicht abschrecken und das Abenteuer Jemen konnte beginnen.
Unser Team setzte sich aus dem Archäologen Dr. Paul Yule, der amerikanischen Archäologin Prof. Cecillia Berghoffen aus New York und den zwei Vermessern Manfred Klein und Rainer Krahe zusammen. Initiator und Expeditionsleiter war Dr. Yule.
Unser Team im DAI in Sana'a beim abendlichen Essen
Nach 6 Stunden Flug landeten wir auf dem Airport in San`a, der Hauptstadt des Jemen. Hier hatten wir auch sofort schon die ersten Probleme. Die Zollbehörden des Landes hielten unsere Ausrüstung für kriegerisches Gerät und verweigerten kategorisch die Einfuhr.
Somit konnten wir nur mit unserem privaten Gepäck zu unserem Hauptquartier, dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI) in San`a, fahren. In den nächsten Tagen versuchten wir mit allen Mitteln, unsere Ausrüstung aus dem Zoll zu holen.
Dies erwies sich als ausgesprochen schwierig und kostete uns viele Nerven und noch viel mehr Bakschisch. Da wir ohne unser Equipment nicht arbeiten konnten, hatten wir zu Beginn unserer Reise sehr viel Zeit, um San`a zu erkunden.
Der dortige Suk (Markt) beeindruckte am meisten. Hier konnte man von Gewürzen bis zum Silberschmuck alles erwerben. Der hier zu sehende Suk befindet sich ind der Hauptstadt Sanaà.
Dies ist ein Blick auf den Tagesmarkt ( Suk ) von Sana'a
Auffällig ist im Jemen, dass jeder Mann einen großen Krummdolch, den Janbiya, trägt und ab Mittag ausgiebig mit dem Genuss von Qat beschäftigt ist. Dieser Qat sind die Blätter eines Strauches und haben nach regelmäßigem Genuss eine abstumpfende Wirkung, was, wie sich später herausstellte, die Zusammenarbeit mit unseren jemenitischen Arbeitern nicht erleichterte.
Ein weiteres Highlight war der Genuß der jemenitischen Küche. Die Standardgerichte sind Hühnchen mit Reis, Hühnchen mit Nudeln, Hühnchen mit Bohnen usw. Nach drei Tagen waren Hühnchen nicht mehr besonders beliebt. Wir stiegen dann auf Eigenversorgung (Spaghetti und Tomatenmark) und Campinggeschirr um.
Nach vier Tagen hatten wir dann auch den jemenitischen Zoll von der Ungefährlichkeit unserer Ausrüstung überzeugt. Der Abreise in unser Messgebiet stand nichts mehr im Weg. Nach 3 Stunden nervenaufreibender Fahrt erreichten wir die Stadt Yarim, wo wir unser neues Quartier beziehen konnten. Wir hatten eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus angemietet. Beim Einzug verschlug es uns allerdings die Sprache. Die Wohnung war sogar für jemenitische Verhältnisse ausgesprochen spartanisch ausgestattet. Ohne ein einziges Möbelstück versuchten wir, uns einigermaßen häuslich einzurichten. Hierzu zählte auch die Grundreinigung der Toiletten, eine Arbeit, die selbst hartgesottene Vermesser verzweifeln läßt!! Überhaupt ließen die hygienischen Bedingungen sehr zu wünschen übrig, das Duschen musste z.B. aus Wassermangel auf ein Minimum reduziert werden.
Unser Wohn-, Arbeits-, Koch- und Schlafraum
Dr. Yule sitzt auf unserem provisorischen Inventar
Unsere sanitären Einrichtungen
Die netten Nachbarn entschädigten uns aber für die vielen Entbehrungen, täglich brachte sie uns Tee und jemenitische Spezialitäten vorbei.
Um nun einen reibungslosen Verlauf der weiteren Arbeiten zu gewährleisten, statteten wir als erstes dem Provinzgouverneur einen Besuch ab. Die Provinzhauptstadt Ibb liegt in über 3000m Höhe, und der viele Niederschlag läßt eine tropische Vegetation gedeihen.
Das eigentliche Messgebiet, Zafar, lag nochmals 20 km südlich von Yarim. Für die Fahrt benötigte man ca. 50 min. - ein Beleg für die "Güte" der Straße . Bei unserer ersten Ankunft in Zafar wurden wir von den dort lebenden Menschen sehr herzlich begrüßt. In dem dortigen Museum konnten wir unsere Ausrüstung lagern. Die Landschaft entsprach aber in keiner Weise unseren Erwartungen. Zafar liegt ca. 2800m über dem Meeresspiegel mitten im jemenitischen Hochland. Keine Spur von der Wüste, die in unseren Vorstellungen existierte. Sehr bald wurde uns klar, dass unsere Kleidung nicht ideal für das Gebirge geeignet war. Ganz besonders, als nachmittags ein sintflutartiger Regen einsetzte und die Einheimischen uns erklärten, im August würde es jeden Tag regnen.
Nichtsdestotrotz machten wir uns an die Arbeit. Das Messgebiet umfasste das Dorf Zafar und den benachbarten Berg Dhu Raidan, auf dem die Reste der alten Festungsanlagen noch zu erkennen waren. Unsere Aufgabe war es, das Gebiet topographisch aufzumessen. Sehr bald wurde uns klar, das dies keine leichte Aufgabe ist. Die sehr schwierigen Geländeverhältnisse und das schlechte Wetter machten unsere Sache nicht leichter. Der morgendliche Aufstieg zu dem Berg mit kompletter Messausrüstung erinnerte uns immer wieder an die Tatsache, dass bei fast 3000m die Luft etwas dünner ist.
Steilhang nördlich des Dorfes Zafar. Dieser Steilhang lag im Zentrum unseres Vermessungsgebietes.
Der allmorgendliche Weg ist beschwerlich
Unser Tachymeter auf dem Polygonpunkt 101
Für die Kinder des Dorfes, die Schulferien hatten, waren wir eine willkommene Abwechslung. Ständig hatte man 8 bis 10 "Begleiter", die einen interessiert beobachteten. Die Worte "Sidiq Sidiq" (Freund) verfolgten uns Tag und Nacht.
Gruppenfoto während der Aufnahme
Einige der Dorfkinder haben aus leeren Dosen und Behältern ein Tachymeter nachgebaut.
Während wir die Vermessung durchführten, katalogisierte Dr. Yule die archäologischen Funde und Dr. Berhoffen leitete eine kleine Ausgrabung auf dem Bergrücken. Die von Dr. Yule registrierten Funde, wie z.B. alte Brunnen, Höhlen oder alte Mauerreste mussten von uns mit aufgemessen werden. Während der Arbeiten wurde unser Verhältnis zu der Dorfbevölkerung immer besser. Am Ende unserer Messkampagne konnten einige Kinder bereits BAP-Songs singen.
Wir gewöhnten uns mit der Zeit auch an die Wetterverhältnisse, morgens bis mittags eine Affenhitze, ab nachmittags leichte Bewölkung und am späten Nachmittag strömender Regen, der schlagartig einsetzt. Also lautete unsere Devise, bei aufkommender Bewölkung die Messinstrumente in Sicherheit bringen und den Regen abwarten. Eine Sternbeobachtung, die zur Ausnordung unserer Karte dienen sollte, mußten wir wegen der starken Bewölkung in den Nächten ausfallen lassen. Überhaupt lernten wir schnell, dass Improvisieren das A und O ist. Das Arbeiten mit dem PC musste ebenfalls auf das nötigste reduziert werden, da pünktlich um 17.00 Uhr der Strom für ca. 3 bis 4 Stunden ausfiel.
Unsere Arbeitswochen endeten immer donnerstags, wo wir zurück nach San`a ins DAI fuhren, um unsere Kleidung zu waschen und noch mal in den Genuß einer Dusche zu kommen.
Samstags ging es dann früh morgens zurück nach Yarim. Die Fahrt war immer ein Abenteuer der besonderen Art. Verkehrsregeln sind im Jemen zwar bekannt, werden in der Regel aber ignoriert. Die Straße verlief über ein Bergmassiv, und das Überholen der LKW´s war immer mit einer Schrecksekunde verbunden. Aber unser Fahrer Mohammed meisterte alle Tücken im Stil eines Ari Vatanen.
Wie man sich überhaupt an manche Dinge erst gewöhnen muss. Wenn 14-jährige mit einer Kalaschnikow auf der Schulter auf der Straße stehen, hat man zuerst ein etwas komisches Gefühl. Ebenso sind die vielen streunenden Hunde gewöhnungsbedürftig, besonders wenn sie nachts um halb vier anfangen zu heulen und einem den Schlaf rauben. Sind die Hunde dann ruhig, hallt es "Allahu akbar" (Allah ist der Größte) aus den Lautsprechern der Moscheen und das 5 mal am Tag. Ein weiteres gewöhnungsbedürftiges Problem waren die Flöhe. Die Dorfbevölkerung von Zafar hatte Flöhe, und so blieb es nicht aus, dass auch wir bald Flöhe hatten. Autan und andere Insektenschutzmittel halfen nur kurzzeitig, somit mußten wir uns an die "Untermieter" in unserer Kleidung gewöhnen.
Andererseits gab es auch vieles, was einen für die Entbehrungen entschädigte. Die Landschaft war atemberaubend und die Bevölkerung sehr freundlich.
Grandiose Aussicht auf dem Polygonpunkt 202
Nach 3 ˝ Wochen waren die Arbeiten in Zafar beendet und wir verbrachten die letzten Tage wieder in San`a. Hier konnten wir nun auch zum finalen Schlag gegen die Flöhe ausholen und die lästigen Plagegeister endgültig aus unserer Bekleidung vertreiben.
Nach insgesamt vierzig Tagen Jemen waren wir wieder reif für die Heimat, und so freute man sich auf den Heimflug.
Als Resümee ist zu sagen, dass die Arbeit im Jemen ein unvergessliches Erlebnis war. Am meisten hat die Landschaft und die Bevölkerung beeindruckt. Die Zusammenarbeit in unserem internationalen Team funktionierte reibungslos und hat viel Spaß gemacht. Allerdings sollte man bei der Arbeit mit Jemeniten etwas mehr Geduld haben und nicht immer mit deutschen Maßstäben messen.
Dennoch würden wir jederzeit wieder in den Jemen reisen. Trotz Kidnapping und mäßiger Lebensbedingungen.
Bilder aus einer unwirklichen Welt
Verschiedene Kulturen treffen aufeinander